Good Morning Australia – der Kampf gegen den Jetlag

Die ungefähre Flugzeit zwischen Sydney und Dubai beträgt 14 Stunden. 14 Stunden können verdammt schnell vergehen, wenn man zum Beispiel schläft. Dann fühlt sich so ein Flug allenfalls wie ein besonders ungemütliches Bett im Hostel an. Oder sie ziehen sich wie Kaugummi unter einer Schuhsole, weil man trotz furztrockener Flugzeugluft und vier Stunden Schlaf in der Nacht zuvor kein Auge zu bekommt.

In Sydney ist es neun Uhr morgens als wir endlich, endlich aus dem Flugzeug steigen und das aller erste Mal australischen Boden berühren. Ich mache drei Kreuze nach der Einreise, wir lassen uns übermüdet und groggy von einem braunen Labrador der Flughafenpolizei auf Drogen und was weiß ich noch beschnüffeln und stehen auf einmal mit Backpack auf dem Rücken in der Ankunftshalle. Überall wimmeln Menschen, draußen warten Taxis und der Himmel ist so blau, dass ich die flugzeugtrockenen Augen etwas zusammen kneifen muss um gegen die Sonnenstrahlen anzublinzeln. Ich kanns nicht fassen – wir sind in Australien.

Seit ich als Kind eine Surfserie rauf und runter gesuchtet habe (okay seien wir ehrlich, ich schau die auch heute noch) , ist da dieses “Must See” Bucketlist – Ziel in meinem Kopf. Und mit ihr auch die winzig kleine Angst, enttäuscht zu sein. Kennt ihr das? Ihr wollt unbedingt einen Ort sehen oder etwas besonderes essen. In eurem Kopf entsteht ein ganz besonderes Bild davon. Mit der Zeit bekommt es immer mehr Nuancen, Farbtöne, Ecken und Kanten, Besonderheiten. Bis ihr am Ende nicht mehr wisst, was euch von der Sache erzählt wurde und was ihr inzwischen dazu gedichtet habt. Und dann seht ihr diesen Ort oder probiert das Gericht – und inzwischen ist eure Traumvorstellung so dermaßen gewachsen, dass die Realität kaum Chancen hat dagegen anzuhalten. Das war jedenfalls immer irgendwie meine Angst mit Australien.

Ich bin also ziemlich nervös als wir ins Taxi steigen und Richtung Hostel fahren. Wir haben uns für die ersten drei Tage ein ganz klassisches Backpacker Hostel am Bondibeach rausgesucht. Mit Partybildern im Booking-Profil und Free Pancakes in der Beschreibung. Nach Dubai sind wir irgendwie wieder froh, etwas weg von dem ruhigen Hotelaltag zu kommen und in die Backpacker-Szene einzutauchen. Weniger Anzug und Krawatte, mehr Tank Tops und Bier. 😀

Am Taxifenster zieht Sydney an uns vorbei. Wir sehen kleine Parks, Wohngegenden, große Supermärkte und unendlich viele Jogger. Ehrlich… hier wird gejoggt was das Zeug hält. Der Tag verspricht warm zu werden obwohl es schon Richtung Winter geht. Auf dem Thermometer stehen jetzt um zehn schon 24 Grad, 27 sollen es noch werden. Und dann sehen wir es. Am Horizont erscheint eine blau schimmernde Kante. Das Meer. Noch weitere fünf Minuten Fahrt dann werden wir vor einem kunterbunt bemalten Eckhaus nur eine Parallelstraße vom legendären Bondi Beach entfernt heraus gelassen.

Noahs Hostel erwartet uns.

Wir schlappen die Treppen hoch ins Hostel und warten mit rot geräderten Augen am Empfang auf unseren Check-In. Ein Mann mit langen Haaren, Tank-Top, gebräunter Haut und australischem Akzent grinst uns an und eröffnet uns, yeah!, dass unser Zimmer tatsächlich schon frei ist. Aber: wir sollten uns jetzt definitiv nicht hinlegen, sondern lieber coffeingetankt ins Meer springen und richtig wach werden. Noch sind wir da tatsächlich ziemlich motiviert und stimmen seinen Vorschlägen zu. Pah Jetlag! Lächerlich!

Direkt am Hostel gibt es ein kleines, feines Kaffee, dass jedes Vegetarierhösschen feucht werden lässt. Neben Acaiibowls stehen auf dem Programm Smoothies, Soja- und Mandelmilch, Avocadotoast und allerlei weitere Köstlichkeiten. Mit Smoothie, Kaffee und Badesachen bewaffnet schlendern wir zum Strand und sagen der Zeitverschiebung den Kampf an.

Die ersten Stunden ist es tatsächlich noch erträglich. Wir sonnen, plantschen, liegen etwas träge wie Eidechsen in der Sonne und schütteln das deutsche Winterwetter langsam ab.
Aber mit der Zeit kommt die Müdigkeit und legt sich wie Tonnen auf unsere Augenlieder und Nerven. Ich werde sensibel, Rafi erschöpft. Wir kämpfen weiter, versuchen die Augen offen zu halten, waschen Wäsche und beziehen unser Zimmer. Wir duschen, kämpfen weiter, schnappen frische Luft…und der Zeiger auf der Uhr will und will nicht weiter wandern. Es ist 15 Uhr als uns klar wird, dass unsere utopische Vorstellung vom ins Bett gehen um 19 Uhr utopisch ist. Wir können nicht mehr. Die Kräfte sind weg, mir wird kalt und schlecht. Der Kreislauf will nicht mehr, er streikt. Schließlich legen wir unsere Waffen nieder, legen uns ins Bett und schauen noch eine Weile Serie um wenigstens so zu tun, als würden wir noch versuchen wach zu bleiben.

Bis uns um 17 Uhr die Augen zufallen.

Es ist noch dunkel als wir wach werden. Die Uhr zeigt 4:30. Das ist nicht verwunderlich, denn unser Biorhythmus ist ganz schön verwirrt. Noch eine Stunde bleiben wir liegen, hören dem Verkehr unten auf der Straße zu und machen uns dann auf den Weg zum Strand. Sonnenaufgang schauen.

Sonnenauf- und Untergänge haben etwas unglaublich schönes, egal wo man ist. Aber der erste Sonnenaufgang in einem fremden Land, so viele Stunden entfernt von zu Hause ist irgendwie verdammt besonders. Wellen rauschen an den Strand, erste Jogger laufen am Meer entlang, wir stehen da und schauen fasziniert diesem glühenden Feuerball bei seinem Aufstieg am Horizont zu. Das ist so ein Marmeladenglasmoment der sich fast unecht anfühlt. Zerbrechlich. Schön. Einzigartig. Und ich bin unendlich dankbar für alles. Für meine Familie, auch wenn sie gerade so weit entfernt ist. Für den Menschen neben mir, der mir manchmal mehr bedeutet als ich mir das selbst eingestehen kann, für die Möglichkeit so viel von diesem blauen Planeten erkunden zu dürfen und für meinen eigenen Mut, das auch zu tun.

Ich muss an den Spruch meiner besten Freundin denken, den sie vor Jahren unter ein Bild geschrieben hatte, während ihrer Zeit in Australien. “Don’t worry about the world comming to an end today, it’s already tomorrow in Australia”. Und grinse noch mehr. Welcome to Australia <3

Wir frühstücken in unserem kleinen Vegetarierparadies direkt am Eck, inhalieren Caffee und Smoothiebowls, lassen den Tag erneut am Strand vergehen, kämpfen wieder gegen den Jetlag, schlafen diesmal “erst” um 19 Uhr ein und werden wieder relativ früh wach.

Der dritte Tag in Sydney startet für uns beide mit einer Sporteinheit, denn wir haben nach drei Tagen Jetlag und vier Tagen Fast-Food Nahrung in Dubai Bewegungsdrang. Rafi geht joggen und ich mache Yoga am Strand.

Danach besuchen einen Familienfreund von Rafis Familie in der Stadt, gehen (obviously)  zum Opera Haus, sehen noch mehr Jogger, finden heraus, dass der Greyhound Bus zu perversen Uhrzeiten abfährt, entscheiden, dass wir ein Problem haben, was die Weiterreise angeht, denn wir werden nicht um 2 Uhr nachts den Bus nehmen und schlendern durch China Town.

Abends heißt es Kriegsrat. Wir lassen uns im Hostel beraten und bekommen den Tipp, die Seite “coseats” auszuprobieren. Dort bieten Leute Autofahrten an oder fragen nach einem “Lift”. Wir finden tatsächlich zwei Jungs, die morgen auch Richtung Port Macquarie müssen und machen einen Trefftermin aus. Wow, puh! Kein Aufstehen um 1 Uhr Nachts für einen Bus, der dann um 4 Uhr Morgens ankommt.

Den letzten Morgen in Sydney spazieren wir den Coastal Walk am Meer entlang, den Rafi am Tag zuvor auf seiner Joggingrunde entdeckt hat und ehrlich, ich habe mich verknallt. Wir haben nicht besonders viel von Sydney gesehen, aber, das was wir gesehen haben ist wirklich verdammt schön. Die Leute sind unfassbar sportlich hier (man nennt das den Bondi Body haben wir uns sagen lassen), extrem entspannt (No worries, Mate!) und nett. Es gibt sehr, sehr gutes vegetarisches essen, guten Kaffee, Meer, Strand und sooo viele Wellen zum Surfen.

Ich weiß nicht wann, aber Bondi, das verspreche ich dir: das hier war nicht unser letztes Date. 😀
Du hast es mir echt angetan.

Aber jetzt geht die Reise weiter.

See ya and no worries (Mate),

Rafi und Hannah

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