Daheim- eine kleine Pause von unserer Reise

Bevor es mit unserer Reise weiter geht, möchte ich über etwas schreiben, was mich seit einiger Zeit beschäftigt. Ich habe vor ein paar Monaten das heimische Nest verlassen und bin ausgezogen. In eine tolle WG, knapp 20 Minuten entfernt von dem Ort an dem ich groß geworden bin. Man kann also nicht wirklich von einer großen Veränderung sprechen, immerhin hat sich mein Umfeld nicht besonders geändert. Ich gehe an die selbe Uni, treffe mich mit den gleichen Freunden, gehe in der selben Stadt shoppen, ins Kino oder Essen. Seit ich allerdings ausgezogen bin, kriege ich immer öfter von Freunden aus der Heimat die Nachricht: Bist du grad daheim, oder in der WG?

Dann frag ich mich selbst: Bin ich daheim? Was ist eigentlich daheim für mich jetzt, wo ich ausgezogen bin überhaupt? Was bedeutet: zu Hause? Gar nicht so leicht, vor allem, wenn man sich in beiden Städten wohl fühlt. Und ein Zimmer hat 😉

Diese Frage hat mich also eine ganze Weile beschäftigt. Irgendwie hat mich keine Antwort zufrieden gestellt. Dabei wars eigentlich schon länger klar:

Angefangen hat alles mit Afrika. Hä? Aber das hat ja gar nichts mit dem Umzug zu tun? Jaja, etwas Geduld, am Ende macht alles Sinn, ich versprechs.
Als ich meine Freunde verabschiedet habe, war die Welt noch in Ordnung. Da sagt man sich dann: bis in drei Monaten, aber wir schreiben ja sowieso zwischendrin. Es gibt Whatsapp, Skype und Facebook. Also, bis in ein paar Minuten sozusagen. Mit manchen hatte ich sogar während Namibia mehr Kontakt als sonst 😀 Andere haben sich nicht ein einziges Mal gemeldet und nach der Zeit war trotzdem alles so, als wäre ich nie weg gewesen. Na jedenfalls, da hab ich mir noch keine Gedanken gemacht.

Anders war das mit meinen Eltern. Als es da ans Tschüss sagen ging, sind bei mir (und meiner Mama) alle Dämme gebrochen. Das war wirklich hart und gefühlstechnisch echt ne andere Liga.
Nach ein paar Wochen wurde mir dann klar: Heimweh habe ich vor allem in Momenten, in denen ich verzweifelt bin. Aus Angst oder Überforderung. Dann, wenn ich mich irgendwo zurück ziehen möchte und Halt suche. Von solchen Momenten gab es einige, das will ich gar nicht schön reden. Inzwischen weiß ich, dass das einfach dazu gehört. Da hab ich mir damals dann gedacht: Wenn ich mich jetzt einfach bei meinen Eltern in den Arm fallen lassen könnte- dann wäre alles wieder okay! Ob das jetzt in Namibia gewesen wäre, in der Arktis oder in Darmstadt, das war mir zu dem Zeitpunkt komplett egal. Mein Heimweh hat sich also direkt auf zwei Menschen bezogen: meine Eltern.

Jetzt könnte ich die Frage damit beantworten. Zu Hause ist für mich also meine Eltern.
Ganz so einfach ist es aber nicht.

Denn mit der Zeit habe ich mich in Windhoek eingelebt. Ich hätte mir immer noch ab und zu gerne meine Eltern hergewünscht, inzwischen aber vor allem um mit ihnen all die schönen und beeindruckenden Erlebnisse zu teilen. Skypen reicht da einfach nicht!
Mit meinen Sorgen und Problemen und Ängsten bin ich zu jemand anderem gegangen. Zu meinen neuen Freunden. Zu den Menschen, die in der Zeit meine Tränen getrocknet haben, mich in den Arm genommen haben und auf mich aufgepasst haben. Meine zweite, temporäre Familie. Ich hätte nie gedacht, dass man in drei Monaten so eng zusammen wachsen kann aber ich glaube so etwas verbindet einfach. Man muss sich auf einander verlassen können, anders geht es nicht!
Und wenn ich dann nach einem langen Wochenende in der Wüste zurück in die Stadt gekommen bin, dann war auf einmal zu Hause auch ein kleines Zimmer im Studentenwohnheim, wo es den besten Nudelavocadoauflauf der Welt gab!

Und genauso ist das mit dem Leben zwischen den Städten jetzt. Zu Hause war für mich noch nie ein Haus oder eine bestimmte Stadt. Zu Hause ist für mich, mit meiner Mama stundenlang über alles und nichts zu reden. Zum Beispiel darüber, ob wir uns nicht doch nochmal zwei Meerschweinchen holen sollten. Oder mit meinem Papa den Sternenhimmel zu beobachten und uns zu fragen, ob das nun eine Raumstation oder ein Flugzeug ist. Und ob alle Ponys Tannennadelbonbons und Bier mögen oder das nur für ein ganz besonderes, pummeliges New Forest Pony gilt.

Inzwischen ist für mich zu Hause aber auch ein Junge in Darmstadt geworden, der mir freudestrahlend seine neueste, technische Bastelei präsentiert- die schon zu dreiviertel funktioniert. Dann hat ihn etwas abgelenkt, was auch noch gemacht werden musste. Vielleicht den Computer auspusten und vom Staub befreien. Oder irgendetwas reparieren oder so. Sein Lachen und auch mal dieser ” Das hast du nicht grad wirklich gesagt” – Blick.

Ich kann zu Hause nicht an einem Ort fest machen, so funktioniert das einfach nicht.
Und ganz ehrlich: darüber bin ich auch sehr froh.

 

 

 

 

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